Der tiefste Punkt

Ich schreibe dir heute, da ich wahrnehme, dass wir uns auf einen heiklen Punkt zubewegen. Den Punkt, an dem wir aufgefordert sind, mitten in der Dunkelheit zu stehen und vertrauensvoll unser Ja zu geben zu dem, was sich zeigt.

Unser Ja geben heißt nicht, toll zu finden, was wir dort, wenn unsere Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen. Ja zu sagen heißt, mit dem zu sein, was ist.

In der Dunkelheit und besonders jetzt auch in den, bis zum 22. Dezember, der Wintersonnenwende in diesem Jahr, immer länger werdenden Nächten, kann an die Oberfläche kommen, was wir lange gut verborgen zu halten versucht haben. Ich merke es bei mir: Je früher es dunkel wird, umso tiefer gehe ich.

Dazu kommt der Neumond heute, der ebenfalls im Mondverlauf – mit dem zunehmenden Mond, Vollmond und abnehmenden Mond – einen Tiefpunkt darstellt. Solltest du dich als Frau gerade zudem in deiner Menstruationszeit befinden oder kurz davor stehen (wie ich), kann es sein, dass dein Leben dich gerade nochmals mehr einlädt, genau hinzuschauen.

Das ist nicht unbedingt bequem und angenehm. Ich erlebe es gerade bei so vielen Menschen um mich, dass ich es wage, gar zu sagen: Mir scheint, wir sind als Menschen, im Einklang mit dieser Jahreszeit, dem Mond und vielleicht unserem weiblichen Zyklus nochmals mehr, eingeladen, das, was wir über Jahre im Dunkeln gehalten haben, anzuschauen.

All die Muster und Traumata, die wir in uns tragen. All das, vor dem wir nur zu leicht zurückschrecken. Was uns Angst macht. Was wir weder haben noch sehen wollen. Es ist, als würde das Leben uns aktuell an unsere Kernwunden führen. Weil es will, dass wir heilen. Dass wir als gewandelte, sturmerprobte und geheilte Menschen, die in die Tiefe ihrer Biographie und ihres Lebens geschaut haben, wirksam im Leben stehen.

Bei mir selbst, die ich seit einigen Monaten an solch einer Kernwunde dran bin, erlebe ich, dass ich mich immer öfters beim Rennen ertappe. Ich versuche mehr zu machen, schneller zu sein, um nicht zu genau hinsehen und spüren zu müssen, was sich mir in dieser Dunkelheit zeigt. Darüber bekomme ich körperliche Symptome, werde krank. Ich weiß: Ich kann dem, was gesehen werden will, nicht entkommen. Ich weiß, es ist nicht bequem. Und ich weiß (eigentlich) auch: Es ist um so vieles leichter, stehenzubleiben, mich hinzusetzen und es anzuschauen, als immer weiter zu rennen. Denn meist ist es lediglich die Idee von dem, was sich da zeigen könnte, die mir Angst macht. Die vermeintlich großen Monster, die sich, lasse ich wirklich zu, dass ich sie sehe, als harmlos und bedürftig herausstellen.

Ich teile das heute mit dir, weil ich dich wissen lassen möchte: Du bist nicht alleine, zeigen sich dir gerade so manche großen Themen und Kernwunden sehr intensiv. Du bist nicht falsch. Du hast nichts falsch gemacht. Du bist Teil eines Prozesses, der in Gang ist. Und Teil dieses Winters, der uns mit seiner Dunkelheit einlädt zu jener Innenschau.

So übe auch ich mich aktuell sehr darin, lebendig zu bleiben. Mich zu bewegen, zu tanzen, zu atmen. Ich mache Heilströmen, schreibe, höre Musik, trommele, singe, genieße die Nähe mit anderen Menschen. Und erlaube mir über diese Wege, immer wieder ins Spüren und bei mir selbst anzukommen.

Ich wünsche dir einen guten Abend mit all dem, was gerade bei dir ist.
Von Herzen sei umarmt,
Sabrina.

PS. Danke an Oliver Boberg für das Bild oben, das während unserer gemeinsamen Ganzheitlichen Coachingausbildung vor fast auf den Tag genau vier Jahren entstanden ist. Bei mir vorm Büro in der Altstadt brennen seit heute die Lichter am Weihnachtsbaum. So ist es bereits ein wenig spürbar, das Licht, dass durch die Dunkelheit zurückkehrt und möglich wird, wagen wir es, uns ihr zu öffnen und hinzuschauen.

 

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sabrina,
    Deine Zeilen haben mich tief berührt und während dem Lesen kullerten die Tränen, denn meine Kernwunde, mein Lebenstrauma ist nun wirklich am tiefsten Punkt angekommen, passend dazu bekam ich kurz vor Neumond meine Menstruation, dabei dachte ich dass ich dieses Thema hinter mir habe. Das Wissen, dass Du und offensichtlich auch andere Menschen, dies gerade so deutlich spüren, hat mir wieder Mut gemacht, auch Deine Zeilen, dass wir nichts falsch gemacht haben und wir nicht falsch sind, gaben mir Trost. Du weißt, dass ich kürzlich erst an Deinem Online-Retreat im Herbst teilgenommen habe und mich in einer Schwellenzeit befinde, aber dass es so tief geht, damit habe ich nicht gerechnet. Noch heute höre ich mir Deine Videobotschaften an und auch all die anderen Materialien nutze ich weiterhin. Aber gerade jetzt bin ich an einem Punkt, wo nicht nur in der Natur die Dunkelheit so präsent ist, sondern auch in mir. Aber Dein Online-Retreat zeigte mir auf, dass es weitergehen wird, dass nach diesem tiefsten Punkt es wieder heller wird. Auch wenn mein Leben nur noch aus Fragezeichen besteht, weiß ich, dass dieses Tief nicht ewig dauern wird. Trotzdem oder gerade deshalb, war Dein Text zum richtigen Zeitpunkt bei mir angekommen. Fühle Dich herzlich umarmt, Du bist eine wunderbare Frau, die es immer wieder schafft, etwas auf den Punkt zu bringen, wo uns die Worte dazu fehlen. DANKE, meine liebe Sabrina.

    • Liebe Sibylle,

      danke dir ganz herzlich für diese, deine, persönlichen Zeilen hier! Sie erinnern mich daran, wie ich oft schon in einer Schwellenzeit dachte: Jetzt ist der tiefste Punkt! – nur um kurz darauf zu erfahren, dass es noch tiefer geht.

      Das Wissen um den Jahreskreis hilft mir (wie du auch schon schreibst), zu erkennen und zu erinnern, dass ich nicht an diesem Tiefstpunkt rausfalle aus der Geschichte – sondern dass der Tiefpunkt zugleich der Wendepunkt ist, damit es im Rad wieder nach oben gehen kann. Dies lehrt uns sehr eindrücklich auch die Winterzeit mit der Wintersonnenwende.

      Ich kann gut mitfühlen, was du schreibst und wünsche dir von Herzen den Mut und das Vertrauen, mit all den Fragezeichen und dem Nichtwissen, zu dem uns auch der Winter besonders einlädt, in deinem Leben zu stehen.

      Von Herzen für heute zu dir, mit sanften Wegen,
      Sabrina

  2. ….danke, liebe Sabrina, für Dein Teilen….ja, auch in meinem Leben zeigen sich gerade schwierige Themen, an manchen Tagen schmerzt mein Körper so sehr, daß ich pausieren MUSS….was mir auch ermöglicht, das Gechenk dieser besonderen Qualität “des tiefsten Punktes” zu erkennen…die Ruhe, die Kraft, die Weisheit, die tiefe Liebe…welche sich hinter dem Schmerz finden lassen….”bleibe ich bei mir, an meiner Seite” – so, wie Du es oft beschreibst….danke, für Dein Erinnern….
    Alles Liebe,
    Dagmar

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