Hochsensibel durch den Tag

012

Eigentlich hatte ich an diesem Morgen noch so viel machen wollen.

Einen Artikel schreiben. Die Seelenbotschaft für eine Kundin. Den Text für das neue Projekt. Doch mein Kopf ist wie taub, flirrend und ich vollkommen überreizt.

Ich erlebe diese Augenblicke immer wieder. Wenn ich schlecht geschlafen habe, zu wenig gegessen, mir zu viel vorgenommen. Wenn ich statt mit dem Moment zu gehen, unbedingt meinen eigenen Plan, meine abzuhakende To-do-Liste durchsetzen will.

Mein Kopf will in solchen Momenten oft noch so viel,
mein Körper sagt einfach Stopp.

Es ist die Hochsensibilität (wenn du das erste Mal von diesem Begriff hörst, so findest du hier einen Einführungsartikel für dich), die mich immer wieder ausbremst.

Sie, von der ich zum ersten Mal durch eine Freundin erfuhr. Dieses Wissen um mein Hochsensibelsein hat mich viele vergangene Erlebnisse in ganz neuem Licht sehen und vor allem verstehen lassen.

Auf einmal ergab es einen Sinn, dass ich so viel mehr Rückzugszeiten brauchte als viele Menschen um mich herum. Auf einmal verstand ich, warum Einkaufszentrum mich so sehr stressten, ich eigentlich nie in einer Disco oder auf einer lauten Party zu finden war und mich Ruhe, Natur und Zeiten für mich so sehr erfüllten, ja, ich sie unbedingt zum Leben brauchte.

Ich schätze die Qualitäten sehr,
die die Hochsensibilität mit sich bringt.
So fällt es mir leicht zu spüren, zu hören,
was zwischen den Zeilen mitschwingt.

Ich kann auf den Punkt bringen, wofür mein Gegenüber noch keine Worte gefunden hat, die Essenz herausschälen – was unglaublich wertvoll ist, sei es im Coaching, in Seminaren oder auch wenn ich mit Menschen an ihren Websitetexten arbeite.

Außerdem erfüllen mich schon kleine Dinge zutiefst. Die Sonne, die auf ein Buchenblatt scheint. Ein sich drehendes buntes Windrad in der Altstadt. Seifenblasen im Wind. Der Duft von frischem Brot. Ich mag Gänseblümchen lieber als üppige bunt gemischte Blumensträuße. An meinem Geburtstag packe ich die Geschenke gerne im Verlauf einer Woche aus, statt alle an einem Tag.

Abends im Bett muss ich meist erst eine Weile rumruckeln, ehe nichts mehr drückt und ich wirklich gut liege – dafür genieße ich das Liegen dann umso mehr (seit ich übrigens auf einem Schaffell schlafe, von dem mir immer wieder andere Hochsensible erzählt haben, dass sie seither besser schlafen, schlafe auch ich tatsächlich tiefer und besser und wache erholter auf).

Meist ist mir die Hochsensibilität zu einer Freundin geworden.
Ich kenne ihre Vorzüge, ihre Eigenheiten und Macken.
Doch manchmal, da nervt sie mich auch einfach nur.

Wenn ich mit eben jenem flirrenden Kopf zwar im Bett liege, mir die Ruhe zu nehmen versuche, die ich so dringend brauche, aber doch noch Stunden brauche, ehe ich wirklich runterkomme. Wenn ich gerne noch mehr machen, doch noch das neue Projekt angehen, die Lesereise quer durch Deutschland antreten oder noch bis abends schreiben möchte – um dann festzustellen: Es geht einfach nicht.

Was mir immer wieder besonders hilft ist, festzustellen, wie rasch sich das Erleben wendet, wenn ich mir die Zeit zugestehe, die ich brauche. Wenn ich mich ins Bett lege. Spüle, putze, aufräume (das hilft mir sehr runterzukommen, mich zu erden und innerlich zu ordnen) – oder auch so lange schreibe, bis ich das Gefühl habe, jetzt ist es genug.

Wie, wenn ich mir erlaube, müde zu sein, fertig, zu nichts mehr in der Lage und für niemanden mehr ansprechbar, der Druck abfällt und ich, wenn ich wieder neue Kraft gefunden habe, mit einer unglaublichen Kreativität und Freude wieder an mein Tun gehe. Und wie der Zeitpunkt dann so oft ein noch viel besserer zu sein scheint als der, zu dem ich mit aller Kraft all meine Projekte hatte durchbringen wollen.

Wichtig merke ich, sind vor allem auch
die kleinen Momente zwischendurch.
Die 20 Minuten Schlaf nachmittags, wenn möglich.
Das rechtzeitige Essenkochen am Mittag.

Auf Toilette zu gehen, wenn ich muss, statt mir immer zu sagen, nur noch diese E-Mail, zu noch jene paar Zeilen fertigschreiben. Auf meine Bedürfnisse zu hören, ihnen nachzugehen, dann, wenn sie auftauchen und nicht erst eine Stunde später.

Ebenso: Auch meine Termine entsprechend zu planen, auch hier gut für mich zu sorgen. Dann gelingt es mir immer leichter, gut in meiner Kraft zu bleiben, dann muss das Flirren immer seltener sein. So übe ich mich darin, gut zu mir zu sein, gut für mich zu sorgen und bei mir zu bleiben mit dem, was gerade ist.

Herzlich,
Sabrina.

PS. Den Titel zu diesem Blogbeitrag habe ich übrigens Sabine Dinkels Buch Hochsensibel durch den Tag entlehnt, das ich für alle die empfehlen kann, die gerne einen praktischen Alltagsbegleiter haben und es auch etwas humorvoller mögen.

Außerdem mag ich besonders: Leben mit Hochsensibilität von Susan Marletta-Hart, weil es so persönlich ist. Das kleine Pocketbuch Hochsensibilität von Brigitte Schorr, weil es vor allem Nicht-Hochsensiblen auf entspannt-rationale Weise erklärt, was Hochsensibilität ist. Und das (Über)Lebens- und Tagebuch für Hochsensible von Irmi Riedl (wie sowieso alle so feinen, zarten, kraftvollen Grafiken von ihr).

 

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31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sabrina,

    durch die Zeitschrift „Auszeit“ fand ich deine Internetseite und war berührt von Deiner Art zu schreiben. Ich trug mich für den Newsletter ein und bin gerade mal wieder erstaunt, wie sehr uns das Leben unterstützt. Zunächst trafst du mit deinem Artikel über das „Drama“ bei mir voll ins Schwarze, hatte ich doch gerade vor ein paar Tagen wieder einmal eben solches inszeniert. ( Wieder einmal felsenfest davon überzeugt, dass ich nichts kann und völlig wertlos bin).
    In der nächsten Woche dann dieser Artikel über die Hochsensiblen. Mir ging ein ganzer Kronleuchter auf 🙂 dabei hatte ich das alles vor ein paar Jahren schon mal gehört und schön wieder in einer Schublade versteckt. Doch diesmal konnte ich es sehen und annehmen. Es fühlt sich so viel leichter an, mich endlich zu verstehen.
    In dieser Woche ging es um deinen Herzensweg. Wieder ein Thema, welches mich zur Zeit sehr stark beschäftigt. Wo ist denn nun endlich mein Herzensweg, den ich schon so lange suche. Ich habe mir zwei Deiner Bücher bestellt und freue mich schon sehr darauf.
    Ich möchte mich bei Dir bedanken, für dein Teilen Deiner Gedanken. Sie treffen schon fast gespenstisch immer wieder genau meine Themen.

    Herzlichst
    Claudia

    • Liebe Claudia,

      danke dir von Herzen für diese wunderbare Rückmeldung, für das Teilen der Dinge, wie sie sich ineinanderfügen – und es freut mich, dass Blog und Bücher dich so gut begleiten, so gut passen, aktuell, für und auf deinem Weg.

      Ein ganz gutes Weitergehen dir mit allem, Inspiration, Rückenwind und Herzenskraft,
      Sabrina

  2. Liebe Sabrina,
    durch Zufall stieß ich vor etwa 2 Monaten auf Deinen Blog. Du sprichst mir sooo aus dem Herzen! Durch Deine Zeilen über die Hochsensibilität verstehe ich mich und auch meine Umwelt viel, viel besser und kann besser im Leben stehen und mein Ich-Sein leben. Auch ich wede regelmäßig von meinem Körper ausgebremst (und dabei wusste ich es doch eigentlich auch schon vorher, dass ich mal wieder meine Energie überschätzt habe 😉 ).
    Ich danke Dir! Du gibst mir das Gefühl, das ich okay bin.
    Ganz liebe Grüße aus Hamburg!

    • Liebe Birgit,

      danke dir ganz herzlich für deine Zeilen – es freut mich, dass mein Teilen dich wiederum auf deinem Weg und in deinem Sosein bestärkt, das ist mein Wunsch.

      So heute für dich eine ganz gute weitere Woche und Zeit mit dir,
      herzlich,
      Sabrina

  3. gedankencrash

    mein überhitzter verstand
    steht wieder mal am straßenrand und qualmt
    bleibt nur den pannendienst zu rufen
    die filter zu reinigen
    und darauf zu warten
    dass der rauch sich verzieht

    Liebe Grüße! Franziska (heute dichtend 😉 )

  4. Immer wieder fühle ich mich mit deinen Worten so verbunden, liebe Sabrina. Ich bin im Rentenalter und habe so viel Raum (endlich) für meine Hochsensibilität – übrigens, mein Schaffell ist schon total „durchgelegen“ – und ich kenne, seit ich darauf schlafe, keine Rückenschmerzen mehr. alles Liebe Dir und Euch allen von Margitta

    • Liebe Margitta,

      danke dir für deine Schaffell-Rückmeldung, ebenso wie für deine Rückmeldung zum Blog, das freut mich :).

      Eine ganz gute Zeit für dich sowie erholsame Nächte weiterhin,
      herzlich,
      Sabrina

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