Vision des Herzens

herz

Ich hatte keine Ahnung, wer er war und woher er kam, als ich ihn plötzlich hörte.

Zuvor war ich eine Stunde Zug gefahren. Hatte viel geschrieben. Mir Gedanken darüber gemacht, wie weit ich meiner Vision folgen konnte, wie weit es sinnvoll war. Ob ich nicht manchmal doch lieber vernünftig werden, mich um das Geld kümmern, einen Plan machen sollte.

Ob ich wirklich so weit vertrauen durfte, auf mich, den Ruf in mir und die Vision einer Welt, in der Menschen sich erinnern an das, wofür sie hier sind, ihr Eingebundensein zwischen Himmel und Erde spüren, den tiefen Frieden, der daraus erwächst, und es wagen, einander wieder als Menschen zu begegnen.

Und dann stand er da.

Davide Martello, dessen Namen ich erst viel später erfahren sollte, und sein Flügel, angehängt an ein E-Bike.

Er stand da, mitten auf der Marktstätte in Konstanz am Bodensee, einem sonst eher trostlosen, fast baumlosen Platz, über den die Menschen vom und zum See hetzen, mit Einkaufstaschen, Plänen im Kopf, gesenktem Blick.

Doch heute war etwas anders. Oder: alles.
In einem Kreis standen da Menschen um ihn,
seinen Flügel und sein E-Bike,
während seine Klavierklänge die Marktstätte fluteten.
Die Zeit schien verlangsamt, die Menschen mit ihr, ursprüngliche Pläne nicht länger wichtig.

Ich hörte einen Mann neben mir zu jemandem sagen, der Klavierspieler hieße Davide, er spiele überall auf der Welt, vor allem auch an Orten, an denen Unruhen und Gewalt herrschten. Überall dort baue er seinen Flügel auf und spiele. Nur das.

So schloss ich die Augen, öffnete sie wieder, sah mich um. Meine eigene Einkaufsliste hatte ich längst abgehakt. Denn ich bemerkte, dass ich mitten in der Antwort auf all die Fragen stand, die mich die ganze Zugfahrt über begleitet hatten – und die mir inzwischen so fern erschienen.

Denn mit jedem Klang flog die Antwort über den Platz und schien zu rufen: Ja, es ist sinnvoll seiner Vision zu folgen. Ja, es ist unendlich wertvoll, an etwas Größeres zu glauben. Auch, wenn es manchmal idiotisch, unerreichbar, idealistisch oder weltfern scheint.

Und ja, es ist möglich,
dass wir einander wieder als Menschen begegnen.
Dafür braucht es nicht viel.

Manchmal reicht ein Klavierstück im Nieselregen
auf einem zugigen Platz aus.
Um die Stille, das Leuchten und unser Verbundensein
als Menschen wieder so greifbar zu erfahren.

Zurück zuhause sah ich noch ein Video. Das der Herzensfolger, einer Familie, die sich im Norden Nordwegens in einer Art rundem Glashaus ein nachhaltiges, naturverbundenes Leben geschaffen hat und damit der Vision ihres Herzens folgt.

Am Ende dieses Tages spürte ich, wie mein Mut zurückgekehrt war. Darein, zwischen verspäteten Bahnen, täglich neuen Kriegsschauplätzen und der Vorsteuerabgabe das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: Meine Vision. Das, wofür ich stehe. Wofür ich gehe. Wofür ich hier und jetzt bin.

Und sie zu erinnern, vielleicht auch: sie erst einmal zu finden. Um sie dann in die Welt zu tragen und zu leben.

Alles Liebe,
Sabrina.

PS. Diese Geschichte und viel weiteres, Inspirierendes und Wertvolles, findest du im Printmagazin Verbundensein.

 

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28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sabrina,
    ich danke dir so sehr für diesen Beitrag! Es gibt ja keine Zufälle…
    Ich glaube, dass immer wenn wir ganz leise werden und einen Moment – über den Moment hinaus, wo es angenehm ist – in uns hören und unsere Frage stellen eine Antwort emporfliegt. Und das ist die Antwort. Da gibts dann gar keinen Platz dafür sich im Plural- bei vielen möglichen Antworten zu verlieren. Dafür ist Musik ein herrliches Tablett, auf dem haben Viele Platz sich zu versammeln und in Ruhe zu sammeln und eine Magie bekommt Raum uns zu umschliessen und in einem Augenblick später ist die Welt anders und alles darf neu beginnen. Ich wünsche uns allen eine magische Woche, alles Liebe ava

    • Liebe Sabrina,
      wir kennen uns noch nicht persönlich, doch deine Karten – in Siegburg gefunden -, begleiten mich schon länger. 😉 Deine Worte berühren mich sehr und ich kann erspüren, was du fühlst. Solch ein magischer Moment, wo die Zeit still zu stehen scheint und alle einfach ganz präsent im Augenblick und miteinander verbunden sind. Da fallen mir persönliche Momente ein und mein Herz strahlt. :-)) Wunderschön. Danke dir von Herzen für diesen Moment! Viel Liebe und Freude auf deinem Visions-Herzensweg. Bettina

      • Danke dir, liebe Bettina, für deine Worte und Rückmeldung!

        Für heute eine ganz gute Woche weiterhin für dich,
        alles Liebe und danke für dein Teilen!
        Sabrina

    • … Dafür ist Musik ein herrliches Tablett, auf dem haben Viele Platz sich zu versammeln und in Ruhe zu sammeln und eine Magie bekommt Raum uns zu umschliessen und in einem Augenblick später ist die Welt anders und alles darf neu beginnen… Ich glaube, dass immer wenn wir ganz leise werden und einen Moment – über den Moment hinaus, wo es angenehm ist – in uns hören und unsere Frage stellen eine Antwort emporfliegt. Und das ist die Antwort.

      Danke dir für deine Zeilen, liebe Ava, besonders für dein Erinnern in den Zeilen oben! Ja, so erlebe ich es auch immer wieder.

      Herzlich,
      Sabrina

  2. Liebe Sabrina,
    Deine Worte, Deine Offenheit, Dein So-Sein und Dein Mut berühren mich – immer wieder! Du findest, auf eine so wunderbare Weise, Worte – und machst damit fass-bar, was mir sonst fast zu entkommen scheint…
    Danke Dir dafür von Herzen, Silke

    • Danke dir, liebe Silke, für deine Worte und Rückmeldung! Ja, vielleicht braucht es immer wieder genau jenes Greifbar-machen, jenes Einander-erinnern, damit wir nicht vergessen, was uns wirklich wichtig ist, worauf es für uns als Menschen ankommt und dass wir noch heute damit beginnen können, einander wieder ein stückweit mehr in unserem Menschsein und Sosein zu erfahren.

      Herzlich mit Dank für dich,
      Sabrina

  3. Liebe Frau Gundert,

    bei Ihrem Besuch bei mir, direkt danach, durfte ich miterleben, wie sehr sie bewegt waren von den wundersamen Klängen und dem Flügelschlag des Davide Martellos. Danke für Ihr Vertrauen, Ihr Öffnen – und Ihren schönen Blogbeitrag, der mich erneut sehr berührt.

    Freue mich auf bald!

    Herzlichst,
    Stefanie Aufleger

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