Wie du Zeit findest für das, was dir wirklich wichtig ist

Ich stehe an Gleis 2 und frage mich, was ich hier eigentlich tue.

Warum ich mich gleich wieder in den überfüllten Zug quetschen werde. Warum ich vier Stunden fahre, nur um zwei Stunden dort zu sein. Bei der Stimm-Ritual-Gruppe in Winterthur, zu der ich seit einem Jahr gehe. Alle zwei Wochen, immer dienstagsabends.

Ich muss zugeben: Jeden Dienstag, wenn ich meine Schuhe anziehe und meine Tasche packe, ist da diese Stimme in mir, die sagt: Bleib doch hier! Mach dir doch einen gemütlichen Abend zuhause! Wie oft hat mich schon das Bett angelacht und alles in meinem Kopf nur „Ja!“ dazu gerufen.

Wie oft schon bin ich wieder und wieder die Gründe
durchgegangen, warum ich heute nicht kommen kann –
keine Zeit, noch so viel anderes zu tun, zu müde, zu viel los.
Und bin dann doch gefahren.

Die Gründe hätten alle ihre Richtigkeit gehabt. Oft, besonders in den Wintermonaten, als es schon zwei Stunden dunkel war, ehe ich am Abend überhaupt losgefahren bin, war ich bereits unendlich müde bevor ich aufgebrochen bin.

Immer wieder fragte sich der rationale Teil, wie diese Zugfahr-Dauer im Verhältnis steht mit der Zeit, die ich dort bin. Warum ich schon wieder all das auf mich nehme.

Bin ich angekommen, weiß ich wieder warum. Dort, im tragenden Kreis unserer Frauenrunde nehme ich ganz selbstverständlich meinen Platz ein. Und egal, was den Tag über war, was mich die Zugfahrt lang beschäftigt hat, wie viele Gedanken da waren, vielleicht auch welcher Frust, welche Einsamkeit oder herausfordernden Gefühle. Kaum bin ich dort, beginnt es sich zu wandeln.

Ich spüre, wie die Abende mich wieder zurückbringen
in meine Kraft. Etwas tief in mir berühren.

Mir Freude schenken und sanften Rückenwind, neuen Mut, Leichtigkeit und Tiefe. Wie ich hier mein Sein, mein Wirken, meine Wirksamkeit und mein Eingebundensein wieder selbstverständlich spüre. Etwas, was ich in keinem Buch finde. Keiner Methode und keinem mentalen Selbsthilfeprogramm. Oft auch nur schwierig alleine zuhause auf dem Sofa.

Eine Wirkung, die auch danach noch anhält. Eine Kraft und eine neue Lebendigkeit, die mich begleiten – durch den nächsten Tag und die ganze Woche lang.

Sicher, es gibt Abende, da kann ich tatsächlich nicht. Weil ein beruflicher Termin ansteht, den ich nicht absagen will. Weil ich mit Fieber im Bett liege. Weil eine Freundin Geburtstag feiert und ich hingehen möchte.

Und doch. Ich weiß, dass ich es mir an viel mehr Abenden
einrichten und erlauben kann dort zu sein, als ich oft vorgebe.

Besonders das längerfristige Planen hilft mir hier: Mir die Termine schon einige Monate vorher in meinen Kalender einzutragen. Terminüberschneidungen, wenn möglich, frühzeitig anzugehen.

Auch: Mir den Tag nach diesem Abend, wenn er mitten in der Woche liegt, entspannt einzurichten. Vielleicht am Morgen eine Stunde später mit der Arbeit zu beginnen. Vielleicht in diesen Morgen bewusst keine externen Termine legen.

Für mich hat mein regelmäßiges Dabeisein in dieser Stimm-Ritual-Gruppe auch etwas damit zu tun, gut für mich zu sorgen.

Selbstverantwortung für mich zu übernehmen. Mir selbst zukommen zu lassen, was mich nährt und stärkt, ohne zu erwarten, dass jemand anders es für mich tut. Und mich zu erinnern, dass ich erst dann gut auch für andere sorgen kann, wenn ich selbst gut für mich gesorgt habe.

Oft ist es die Macht der Gewohnheit, die mich zuhause behalten will. Und oft ist auch einfach viel los in meinem Leben, das stimmt.

Und doch darf ich immer wieder schauen, wo ich von
der passiven Reaktionistin („So ist es halt!“)
zur aktiven Gestalterin („Und da gehe ich jetzt hin!“)
meines Lebens werden kann .

Ich erlebe es auch bei den Teilnehmerinnen der Frauenjahresgruppe, wie auch bei den Ritualabenden und meinen anderen Seminaren immer wieder. Dieses: Eigentlich wäre ich heute fast zuhause geblieben. Da war noch so viel zu tun. Ich war schon den ganzen Tag so müde. Ich habe wirklich überlegt, nicht zu kommen – am Anfang der Abende.

Und das: Ich bin so froh, dass ich heute hergekommen bin! Wie gut, dass ich mich doch noch aufgerafft habe! Dieser Abend hat mir so viel gegeben, ich fühle mich gestärkt, wieder bei mir, in meiner Ruhe! Wie wertvoll diese Zeit ganz für mich ist! Danke, dass ich heute hier sein durfte – am Ende der Abende.

Ich glaube, es ist ganz normal, dass wir diese Verhinderer (die auch ihren Ursprung und ihren Zweck haben!) in uns spüren. Und ich glaube, dass es nicht darum geht, sie unbedingt wegmachen zu wollen.

Sondern vielmehr darum, uns bewusst zu machen, dass sie da sind. Um dann neu zu entscheiden, wie wir dieses Mal handeln, wofür wir uns entscheiden wollen.

Mit einem Herzensgruß zu dir,
alles Liebe,
Sabrina.

PS. Wenn du Platz nehmen möchtest im Kreis der Frauen, sei willkommen:
Bei der Frauenjahresgruppe hier in Engen im zweiten Halbjahr diesen Jahres. Start: Mittwoch, 05. Juli 2017.

Ebenso beim Tagesseminar „Auf Engels Flügeln“ am Samstag, 08. Juli 2017 in Konstanz am Bodensee. Und beim Tagesseminar „Meine Schönheit sanft berühren“ am Samstag, 05. August 2017 in Engen im Hegau (nahe des Bodensees).

(Foto: Raphi See photography)

 

Der Beitrag hat dir gefallen? Das könnte dich auch interessieren:

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sabrina,
    das ist das alltäglichste Thema überhaupt, das Du heute ansprichst – leider! 😕

    Was mir auffällt: die Häufigkeit des Wortes „müde“. Das ist bei mir auch der Hauptverhinderer. Warum sind wir nur alle so müde, obwohl wir Tätigkeiten nachgehen, die wir mögen, in liebevollen Beziehungen leben?… Das beschäftigt mich sehr. Das Leben fühlt sich seit ein paar Jahren so anstrengend an! Und es tröstet ein wenig zu wissen, dass es anderen ähnlich geht und dass wir uns in umwälzenden Zeiten befinden, am Beginn eines neuen Zeitalters…

    Dennoch ist da die Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit und Frische… Ich wünsche uns allen einen oder mehrere Kraftorte, die uns dies bescheren. Für mich ist dieses Gefühl zum Maßstab geworden: was für mich gut ist, muss sich leicht anfühlen und mich stärken.

    Ein erholsames Sommerwochenende
    Dir und allen Deinen LeserInnen
    Claudia

Schreibe einen Kommentar