Die Wunde in mir

Als wir an jenem Montagabend im Kreis zusammengekommen sind, war sie so deutlich spürbar.

Jene Verletzung, die jede von uns in sich trägt. Jenes Zögern und Abwägen, das sie ganz genau prüfen lässt, wo sie sich zeigt und wo nicht.

Wir waren zusammengekommen zum Abendseminar „Am nährenden Feuer: Meine Medizin stärken“ und eine der Frauen sprach es an jenem Abend aus: Dass wir wohl alle solch eine Verletzung in uns trügen. Und dass es wohl zugleich die Verletzung sei, die es uns möglich mache, andere Menschen zu berühren.

Erst im Nachklang habe ich gemerkt,
wie viel Wahres darin steckt.
Wie sehr da bei mir, wie auch bei vielen der Frauen,
die in den Seminaren und Coachings zu mir kommen,
der Schmerz sitzt. Dieses Gefühl von tiefster Verletzung,
von Verwundetsein.

Es geht mir nicht um die Verletzungen der Kindheit, auch wenn diese sicherlich einen Teil dazu beitragen. Es geht mir nicht darum, Schuldige zu suchen und zu finden, sondern darum, mir die Wunde anzusehen.

Überhaupt wahrzunehmen: Da ist eine Wunde, da ist ein Schmerz.

Eine Wunde, die mich zugleich auf meine größte Sehnsucht und meine größte Kraft hinweist.

Auf die Sehnsucht, mich zu zeigen. Mit allem sichtbar zu werden, wirklich allem, was ich in mir spüre. Mit meinem Wahrnehmen und Wissen, meinem Inneren. Auch auf die Gefahr hin, ausgelacht oder verpönt zu werden.

Ich kenne das von mir: Alles, was jenseits der Norm, des mit dem Verstand Begreiflichen ist, habe ich mich lange Zeit nicht getraut überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn darüber zu schreiben oder zu sprechen.

Ich wollte nicht esoterisch sein, nicht komisch,
nicht ganz richtig im Kopf.
Ich wollte dazugehören, Teil sein. Von einer Gesellschaft, die –
das habe ich erst über die Zeit gemerkt – ihre eigenen Schätze,
die oft genau in jenem mehr-wahrnehmen liegen, verloren hat.

Eine Wunde, die zugleich auch auf meine größte Kraft hinweist. Denn, nehme ich mein Spüren, mein Wissen, wieder zu mir, das, was so sehr verletzt wurde, was mich so schmerzt, kann ich erleben, dass genau hierin meine Kraft wohnt.

Dies kann bedeuten, dass ich dem Gefühl folge, dass Leben ursprünglich nicht so gemeint war, wie es überall um mich gelebt wird. Dass Lebenstage keine To-do-Listen sind und das Leben selbst nicht etwas, was möglichst schnell erledigt werden muss.

Mir zu erlauben, hier meinem Spüren zu trauen, ja, es überhaupt erst einmal zuzulassen, bringt schon eine ordentliche Portion Kraft mit sich. Weil ich mir erlaube, zu mir zu stehen, mich wahr- und ernstzunehmen.

Vielleicht erinnere ich mich auch an eine, meine Medizin.
Habe das Gefühl, dass es da jenseits von meinem Job
noch etwas gibt, das ich einbringen möchte.
Das mich vorwärts drängt. Das immer da war oder immer wieder auftaucht.

Vielleicht spüre ich auch im eigenen Körper, dass die Art, wie ich lebe, mich krank statt wirklich heil und erfüllt macht. Vielleicht habe ich eine Ahnung davon, dass mein Weg mich zurückführen will zu meinem ureigenen Rhythmus.

Vielleicht erinnere ich auch die Kreise und ihre Kraft, auch, wenn sie so wenig nur in meinem Leben bislang sichtbar sind. Vielleicht beginne ich mir bewusst Kreise zu suchen, in denen ich meinen Platz einnehmen kann. Oder schaffe selbst welche, wenn ich keine finde.

Ich glaube, wir dürfen wieder Verantwortung für unser Leben übernehmen. Miteinander teilen, was wir als unsere Wahrheit in uns spüren. Dem folgen und das einbringen, was uns heil macht. Uns selbst und die Menschen um uns.

Wir dürfen ein Leben beginnen,
das uns tief innen wirklich entspricht.
Das nah dran ist – an unserer Wunde, unserer Sehnsucht, unserer Kraft.

Was es dafür braucht? Vor allem ein lebendiges Gehen. Vielleicht zunächst zu schauen, an welchen Orten ich meine Kraft wieder einsammeln, sie zu mir zurückholen kann, in mich. Was mich darin unterstützt, mein Verbundensein mit mir selbst zu stärken und zu leben. Um dann, von mir ausgehend, mit neuen Schritten ins Leben zu gehen.

Dabei dürfen wir vor allem eines erinnern: Wir sind nicht alleine mit diesem Spüren. Es sind schon so viele Menschen, die in sich spüren, dass ihr Weg, dass das Leben eigentlich anders gemeint ist. Die beginnen, es in Teilen bereits zu leben, auch, wenn es im Außen noch kaum sichtbar scheint.

Muten wir uns einander zu.
Teilen wir miteinander, was uns wertvoll ist.
Suchen wir uns die Kreise, in denen wir mit diesem,
unserem Spüren sein und gesehen werden dürfen.
Es gibt sie, schon heute.

Und es ist es wert, diesem, unserem Spüren zu trauen. Weil darin das Leben wartet, auf das unsere tiefste Sehnsucht hinweist.

Mit einem Herzensgruß,
Sabrina.

PS. Am nährenden Feuer Platz nehmen und deine Kraft erfahren, das kannst du zum Beispiel beim Abendseminar “Frauenkraft – Frauenweisheit” am Mittwoch, 04. Oktober 2017 in Engen im Hegau. Raum, mit mir an deiner Seite deiner Sehnsucht nachzuspüren, bietet dir auch die Schwellenzeit.

Foto: Raphi See photography

 

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10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wie immer schön und berührend, deine Worte. Wie gut ich diese Wunde kenne. Und das Bedürfnis, mich so zeigen zu dürfen, wie ich bin.
    Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. 🙂
    “Muten wir uns einander zu.” Ja, das wäre schön, wenn wir das lernen würden.
    Ich bin am Weg. Und viele andere auch. Daher lass uns gemeinsam dran glauben, dass es möglich ist!
    Danke für deinen Beitrag dazu. Herzlich,
    Alexandra

  2. Liebe Sabrina,

    seit einigen Monaten freue ich mich schon jeden Freitag auf deinen Post. Dieses Mal hast du bereits mit deinen ersten Worten meine Seele berührt. Ich danke dir dafür.

    Herzensgruß
    Gudrun

  3. WOW! Dieser Beitrag, liebe Sabrina, ist so großartig wie berührend, dass ich heute „nur” ein Dankeschön da lassen möchte. Ich kann in jeder Zeile spüren, was und wie du es meinst. Das macht den Text für mich so außergewöhnlich wertvoll.

    Danke, dass du das machst was du machst!

  4. Liebe Sabrina
    …..dass es da jenseits vom Job noch etwas gibt….
    Ich bin vor zwei Jahren schon mal ausgestiegen, es war sehr erfüllend.
    Ich bin wieder zurück und wieder bin ich eingeengt, fühle mich gebremst…unglücklich.
    Warum ich bleibe?
    Die Hoffnung dem Menschen näher zu kommen, auf den ich schon seit 5 Jahren hoffe.
    Einer Freundin würde ich folgenden Rat geben: geh, lebe dein Leben. In der Welt, die dich erfüllt, Natur…Menschen….Freiheit…
    Deine Medizin, deine Kraft, deine Sehnsucht….
    Warum ich es nicht tue?
    Die Angst vor der Wunde, den Menschen aufzugeben, den ich nicht habe und wenn mein Ausstieg nicht funktioniert, allein zu sein….was ich ja schon bin ?
    Gedanken, so dahin geschrieben….
    LG Margrith

  5. Liebe Sabrina,
    das ist ein tief treffender, sehr inniger Beitrag. Danke von dem Betroffensein aus, in der Herzensmitte. Ja, ich denke auch, das sehr Viele das spüren .
    Herzensgrüsse,
    Annika

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